schönschreiber kurt w. zimmermann
in der aktuellen “weltwoche” widmet sich medienkritiker kurt w. zimmermann dem interessanten thema der rückläufigen leserzahlen bei bezahl-blättern – nur das eigene blatt, lässt er aus.
der titel lautet:
Kollektive Rutschpartie – Wer hätte das gedacht? Am meisten Leser verlieren Blätter, die auf journalistischen Irrwegen wandern.
der geneigte leser weiss, was jetzt kommt. zimmi sagt den branchenkollegen, was die falsch machen.
beim “tages-anzeiger” schreibt er:
Die Tugend des Tages-Anzeigers war seine politische Unabhängigkeit, auch wenn er stets eher linksliberale Sympathien hatte. Dann aber begann das Blatt einen unsinnigen Veitstanz in der sozialistischen Ecke, bis hin zu absurden Forderungen wie der staatlichen Enteignung reicher Erben.
beim “beobachter” heissts:
Die Tugend des Beobachters war seine Bürgernähe. Er beriet bei den Unbilden von Autokauf, Scheidung, Kinderaufzucht und Kleinkredit. Dann aber drängte es die Redaktion immer mehr in die grosse Politik und zur Rettung der Welt.
und bei der “schweizer illustrierten” diagnostiziert er:
Die Tugend der Schweizer Illustrierten war ihre Unterhaltsamkeit. Vergnügte Prominente präsentierten sich beim Balzverhalten, auf der Bergwanderung und auf der heimischen Couch. Dann aber verfiel man auf die aberwitzige Idee, sich als Grundsatzblatt des Tiefsinnig-Ernsthaften zu präsentieren.
als grundlage dient ihm die tabelle dieser wemf-zahlen:

zimmi weiss auch, welches die drei top loser-titel sind:
Der Spitzenreiter bei der Leserflucht ist der Tages-Anzeiger. Er hat 15 Prozent eingebüsst. Dahinter folgen Beobachter und Schweizer Illustrierte, die um 13 Prozent tauchten (…) Ein Minus von 13 bis 15 Prozent in einem derart kurzen Zeitraum ist extrem viel.
soweit so gut. wir könnten glatt in der “weltwoche” weiterblättern, fiele uns nicht auf, dass auch die “weltwoche” selbst in der verlierer-tabelle aufgeführt wird. wieviel beträgt den der verlust hier? bö hat schnell die prozentzahlen ausgerechent (ohne gewähr).

soso, gleich hinter den von zimmi erwähnten top drei loser-titeln rangiert die “weltwoche” auf platz vier – noch vor “blick” & co.
die diagnose, was die “weltwoche” falsch gemacht hat, bleibt uns zimmi aber schuldig. sie bleibt im text unerwähnt.
wie beendete zimmi seinen artikel gleich nochmal…?
Man kann sich dazu eine Zeitlang selber belügen, aber irgendwann lügen die Zahlen nicht.
update: wie ich dank der medienlese eben sehe, hat bettina büsser vom “klartext” schon einen tag vor mir nachgerechnet – wenn auch nicht mit so schöner tabelle; dafür mit gleichem resultat. es übrigens der “klartext”, der bei journalistischen prinzipien keinen spass und null ironie versteht, wie auch bö selber mal erfahren musste (ausgabe 3/08):
Schnell, schneller, am schnellsten lautet im News-Journalismus das oberste Gebot. Doch es gilt natürlich, auch bei erhöhtem Tempo die Spielregeln einzuhalten. Erst das ist die wahre Kunst im Nachrichtengeschäft. Beim neuen „Blick am Abend“ sieht man das etwas anders. Hier zählt nur Tempo alleine. Nachrichtenchef Thomas Benkö hat offenbar kein Problem damit, journalistische Grundregeln über Bord zu werfen, wenn er findet: „Zitate? Können Sie heute um 16 Uhr an der Box gegenlesen.“ War wohl lustig gemeint, ist dumm rausgekommen.





Zicu 21:28 on 13. Sep 2008 Permalink |
Die Tugend der Weltwoche war ihre liberale Gesinnung und Unabhängigkeit, auch wenn er stets eher bürgerliche Sympathien hatte. Dann aber begann das Blatt ein SVP-Parteiblatt zu werden, und das obwohl 90% der SVP-Wähler entweder zu faul oder zu dumm zum lesen ernsthafter journalistischer Erzeugnisse sind.
Hab den Artikel auch gelesen, war dann aber zu faul diese Tabelle zu analysieren, danke bö :D
bugsierer 23:09 on 13. Sep 2008 Permalink |
boah, das eigene blatt einfach weglassen, ziemlich abgebrüht. geradezu grenzdemagogisch.
mds 13:36 on 14. Sep 2008 Permalink |
Ich hoffe, bö bemängelt in Zukunft jeweils auch, wenn im Sportteil die Viertplatzierten nicht erwähnt werden … ;)
bö 15:13 on 14. Sep 2008 Permalink |
@mds: super vergleich :~|
Wochenrückblick Nr. 37 » medienlese.com 20:10 on 14. Sep 2008 Permalink |
[...] nämlich “Kurt W. Zimmermann rechnet. Wir rechnen auch” von Bettina Büsser und “Schönschreiber Kurt W. Zimmermann” von Thomas Benkö. Nochmal Döpfner: “Die Zukunft gehört den Journalisten, bei denen [...]
Zahlensalat « Journalistenschredder… 20:52 on 14. Sep 2008 Permalink |
[...] in Nicht kategorisiert by ugugu am September 14th, 2008 Die einen sagen, er könne nicht rechnen, die andern, er habe es noch nie so mit den Zahlen [...]
Bettina Büsser 22:26 on 14. Sep 2008 Permalink |
Freut mich, dass der Link zum KLARTEXT noch gekommen ist. Und natürlich verstehen wir beim KLARTEXT bei journalistischen Prinzipien keinen Spass – irgendwer muss ja daran festhalten, dass die kein Witz sind.
mds 10:29 on 15. Sep 2008 Permalink |
@Bettina Büsser: Per Trackback hätten Sie sich übrigens gleich selbst verlinken können! ;)
zimmermann-fail (again) at benkösblog 00:10 on 02. Oct 2008 Permalink |
[...] wird dieser blog zum kurt-w-zimmermann-watchblog. nachdem er kürzlich in nordkorea-manier die rückläufigen weltwoche-leserzahlen schöngeschrieben bzw. unerwähnt [...]